Kammerchor Zürcher Unterland  .....   Presseberichte

Pressestimmen zum Konzert im November 2004

Neues Bülacher Tagblatt — 29. November 2004

Ein Musikerlebnis der besonderen Art

Bülach — 170 Köpfe im Chor, vier Solisten mit unüberhörbarer Leidenschaft zur Interpretation, ein gewaltiges Orchester und ein musikalisches Meisterwerk: Verdis grosses Requiem. Am Samstag wurde der italienische Opernkomponist in der Stadthalle Bülach förmlich zelebriert.
Gut 900 Personen kamen und wurden von einer professionellen Darbietung mitgerissen.

Konzertfoto
Mitgaranten für ein ausserordentliches Musikerlebnis: Martin Snell (Bass) und Manuela Bress (Mezzosopran). (Bild: flo)

Ernste kirchliche Musik mag gemeinhin gut in die Novemberstimmung passen. Für manche Menschen ist es die Zeit der schweren Gedanken und gleichzeitig vielleicht auch der grossen Gefühle? Giuseppe Verdis Requiem nun ist ein Werk von besonders mitreissender Dramatik; es sind die Schilderungen der Schrecken, der Angst vor dem jüngsten Gericht aber auch der Hoffnung auf göttliches Erbarmen, die in Verdis Musik eine neue Art von Glaubwürdigkeit erleben lassen. Unter der Leitung von Beat Raaflaub erlebte das Bülacher Publikum eine beeindruckende Aufführung, die wohl nicht so schnell vergessen geht. Bewegende sieben Sequenzen, zum Sterben schön komponiert und mit konzentrierter Leidenschaft dargeboten. «Fast wie eine kleine Oper in sich», fasste ein Besucher den Abend treffend zusammen.

Zwischen Hoffnung und Abgrund

Zum Erfolg beigetragen haben in erster Linie die vier Profi-Solisten, die scheinbar losgelöst von den Notenblättern zu musikalischen Erzählern wurden; denn dass sie was zu erzählen hatten, das kaufte man ihren Stimmen ab. Lucja Zarzycka (Sopran), die für die erkrankte Danuta Dulska eingesprungen war, Manuela Bress (Mezzosopran), Rolf Romei (Tenor) und Martin Snell (Bass) haben die Totenmesse mit ihrem engagierten Einsatz mitinszeniert, haben Stimmungsbilder vermittelt und damit die phänomenale Wirkung des Gesamtkunstwerkes unterstrichen. Dazu kamen der Kammerchor Zürcher Unterland und die Kantorei St.Arbogast, zusammen 170 Personen. Und dass man mit dem Symphonischen Orchester Zürich Berufsmusiker verpflichten konnte, setzte dem Konzert qualitativ eine weitere Krone auf. Das gelungene Musikerlebnis: Ein anderthalbstündiger Schwebezustand im regen Spannungsfeld zwischen seelischen Abgründen und hoffnungserfüllter ewiger Ruhe.

Neues Potenzial

Dass die Stadthalle seit September eine neue Innenausstattung hat, zeigte sich nicht nur optisch. Die akustischen Verhältnisse wurden gegenüber vorher merklich verbessert. Auch das darf durchwegs als neues Potenzial für die inskünftige Realisierung qualitativ hochwertiger Produktionen gedeutet werden. Ob dann freilich der Barbetrieb mit Hot-Dogs und künstlichen Tropenpalmen wirklich zur Stimmung einer Totenmesse gepasst hat, sei an dieser Stelle dem Geschmack des Publikums überlassen. Dass mehr als 900 Konzertbesucherinnen und -besucher zusammenkamen, um die Aufführung mitzuerleben, lässt schon aufhorchen. Vielleicht hat Bülach in der renovierten Stadthalle endlich einen Konzertsaal gefunden, der für solch grosse musikalischen Ereignisse den angemessenen Raum bereitstellt. Nach diesem Requiem-Abend darf man sicher sagen, dass die Hoffnung besteht.

Florian Schaer

Basler Zeitung — 30. November 2004

Verdi - unverbraucht

Beat Raaflaubs packende Interpretation der Totenmesse im Musiksaal des Basler Stadtcasinos
Verdis Requiem scheint sich kaum abzunützen. Den Beweis lieferte die Aufführung mit der Kantorei St. Arbogast, dem Kammerchor Zürcher Unterland und dem Symphonischen Orchester Zürich unter Beat Raaflaub.

Am deutlichsten klingen zwei Dinge nach: Satte, körpervolle Fortissimi und spannungsgeladene Piani. Mit diesen beiden Elementen als Interpretationsbasis liess Raaflaub das Publikum die ständigen Gefühlswechsel, die der Text der Totenmesse vorgibt, sehr direkt miterleben. So sehr, dass man nach dem Schlusstakt einige Sekunden brauchte, um die atemlose Beklemmung loszuwerden, in die einen das «Libera me» gestürzt hatte.

Schön, dass bei einem solchen Schlager - nichts anderes ist Verdis Requiem - solche Erlebnisse noch möglich sind. Dank der beiden Chöre, die durch ihre Vereinigung an Stimmkraft gewannen, ohne dabei ihre dynamische Beweglichkeit und Präsenz einzubüssen. Dank des Orchesters, das seine Aufgabe versah, indem es den Sängerinnen und Sängern gleichzeitig Hintergrund und Dialogpartner war. Und dank der vier Solisten, die ihren Partien persönlich individuelle Farbe gaben und einen manches neu hören liessen.

Wollen und Können.

Trotzdem fehlte es den fugierten Chorstellen in Sanctus und Libera me etwas an klarer Struktur, setzten die Bläser in den letzten Takten des Schlusssatzes zu stark ein, liess der Bass Martin Snell seinen sorgfältig gestalteten Vortrag in den ersten Quartetten von den anderen Solisten übertönen, und musste man bei der Mezzosopranistin Manuela Bress mehr dramatisches Wollen als Empfinden feststellen. Motiv- und Aussagegehalt der Musik wurden mit solcher Plastizität herausgeschält, dass die Defizite hörbar wurden. Die Sopranistin Lucja Zarzycka begeisterte durch die Vielfalt des Ausdrucks, der Tenor Rolf Romei sang klar und stimmschön. Ein Höhepunkt das Duett der Frauen im Agnus Dei: Die Unterschiede der Gestaltung bei Zarzycka und Bress erzeugten im Dialog eine Stimmung, die symptomatisch für die Unverbrauchtheit des Werks war.

Boris Schibler

Basellandschaftliche Zeitung — 30. November 2004

Bühnenreife Dramatik

CASINO / Die beiden Chöre St. Arbogast Muttenz und Kammerchor Zürcher Unterland gaben Verdis Requiem

BASEL — Die Kantorei St. Arbogast Muttenz und der Kammerchor Zürcher Unterland haben in letzter Zeit schon mehrmals zusammengearbeitet. Pünktlich zum ersten Advent waren die beiden Chöre in Begleitung des Symphonischen Orchesters Zürich mit der «Messa da Requiem» von Giuseppe Verdi im vollbesetzten Stadtcasino in Basel zu Gast. Die Leitung hatte Beat Raaflaub. Das Soloquartett bildeten Lucja Zarzycka (anstelle der erkrankten Sopranistin Danuta Dulska), die Mezzosopranistin Manuela Bress, Rolf Romei (Tenor) und Martin Snell (Bass).

Und es waren dann auch diese vier Solisten, denen der Abend gehörte: ganz im Sinne der Opernhaftigkeit, die Verdis Requiem oft nachgesagt wird, setzten sie auf eine bühnenwirksame Dramatik, wie sie sich nicht zuletzt in tragfähigen Stimmen sowie in der Fähigkeit zur plastischen Bildlichkeit zeigte. Allerdings war das überaus starke Vibrato von Manuela Bress dann doch des Guten zuviel und spätestens im «Agnus Dei» mit den beiden in Oktaven geführten Frauenstimmen eher zum Nachteil der Musik. Rolf Romei reckte sich zu Beginn noch gepresst und fast schreiend nach den hohen Tönen, was sich aber bald besserte. Am überzeugendsten Martin Snells entspannter, kerniger Bass und das weite dynamische Spektrum von Lucja Zarzycka.

Die starke Präsenz der vier «Hauptpersonen» drängte den Chor trotz seiner ansehnlichen Grösse von weit über hundert Mitwirkenden ziemlich in den Hintergrund, und dies, obwohl sich die Laien mit ihren Qualitäten durchaus sehen lassen konnten: durchgehend blieben sie aufmerksam, jeder Einsatz kam präzise, Intonationsschwierigkeiten waren kaum auszumachen und der Gesamtklang geriet stets homophon. Auch die Fugen im «Sanctus» und im «Libera me» überzeugten mit ihrer Sicherheit, obwohl das Einfädeln der Themeneinsätze in beiden Fällen rhythmisch leicht wackelte. Und wenn es an etwas mangelte, dann allenfalls an Intimität im schlichten «Agnus Dei».

Mit seinem Dirigat sorgte Raaflaub, der generell eher auf zügige Tempi setzte und nie gerne an Ort verweilte, für einwandfreie Koordination zwischen den drei Gruppen. Wie auch das Soloquartett und der Chor konnte er sich ganz auf das Profiorchester verlassen, das sich anscheinend primär als Begleitinstanz verstand und sich damit fast zu diskret zurückhielt. Dem guten Gelingen des Konzertes tat dies jedenfalls keinen Abbruch.

Fabian Kristmann