Kammerchor Zürcher Unterland  .....   Presseberichte

Pressestimmen zum Konzert im April 2004

Neues Bülacher Tagblatt — 6. April 2004

Die Johannespassion in der katholischen Kirche Bülach

Ein vorweggenommener musikalischer Karfreitag

Bülach – Unter der Leitung von Dr. Beat Raaflaub und mit der professionellen instrumentalen Begleitung des Capriccio Basel interpretierte der Kammerchor Zürcher Unterland am vergangenen Freitag die Johannespassion von Johann Sebastian Bach. Fünf internationale Berufssänger konnten für die solistischen Partien verpflichtet werden.

Rund 370 Konzertbesucher reizten die Sitzkapazität der akustisch ansprechenden katholischen Kirche annähernd aus. Und der 80-köpfige Kammerchor verlieh dem berühmten Passionswerk aus der Feder Johann Sebastian Bachs (1685-1750) ein imposantes Konzertvolumen. Maya Boog (Sopran), Sigrid Horvath (Alt), Martin Bruns (Bass) und Michael Pavlu (Bass) meisterten ihre Arien auf eine gekonnte Weise, sodass sie zu keinem Zeitpunkt der Aufführung über den Chor, welcher innerhalb der Leidensgeschichte Jesu die Masse des Volkes repräsentierte, hinweg interpretierten.

Besonderes Engagement

Einer besonderen solistischen Herausforderung stellte sich der Tenor Leif Aruhn-Solén. Neben den Arien sang er in der Rolle des Evangelisten auch die Rezitative; glücklicherweise hervorragend artikuliert, sodass man seinen Worten selbst in den hintersten Reihen folgen konnte. Dr. Beat Raaflaub arbeitete mit Chor, Solisten und Orchester ein halbes Jahr lang wöchentlich an dem zweistündigen Werk. Vor wenigen Tagen führte er die Johannespassion auch mit der Knabenkantorei Basel dreimal auf. Mit der Leistung in Bülach ist er zufrieden: «Ich habe das Engagement des Chores und der Solisten in der Kirche sehr deutlich gespürt.» Die Vorbereitungsarbeit mit dem Kammerchor sei dank einem hohen Mass an Präsenz und offener Bereitschaft zügig und effizient verlaufen, so Raaflaub weiter.

Spezialisierte Musiker

Das Orchester Capriccio Basel ist ein auf Alte Musik spezialisiertes Profiorchester, die Gesangssolistinnen und -solisten wurden professionell ausgebildet, und der Laienchor arbeitete sich unter der Führung ihres erfahrenen Dirigenten auf ein Gesangsniveau hoch, das sich durchaus sehen (und vor allem hören) lassen kann. Gemeinsam waren alle Beteiligten Garanten für ein eindrückliches Konzerterlebnis, das eine Woche vor Karfreitag im Rahmen der Osterfeierlichkeiten sicherlich einen vorweggenommenen Höhepunkt darstellte. Im kommenden November wird der Kammerchor Zürcher Unterland, dann zusammen mit dem Symphonischen Orchester Zürich, mit Verdis Requiem in Bülach zu hören sein.

Florian Schaer

Zürcher Unterländer — 6. April 2004

Gelungene Interpretation der Passionsgeschichte

Bülach / Rezension der «Johannespassion» in der katholischen Kirche

Der Kammerchor Zürcher Unterland spielte am Freitag zusammen mit dem Capriccio-Orchester eine Rezension der «Johannespassion». Mit ihrer Interpretation berührten sie die Herzen der Zuhörenden.

Die Passionszeit hat begonnen — und damit ist in folgendem Zusammenhang ausnahmsweise nicht der Kinostart des umstrittenen Folterspektakels eines gewissen Herrn Mel Gibson gemeint, sondern der in Musiker- und Sängerkreisen äusserst beliebte — weil auftragsreiche — Jahresabschnitt, in dem landauf, landab in Konzertsälen Aufführungen der «Matthäus-» und der «Johannespassion» wie Krokusse aus dem Boden schiessen.
So darf der Dirigent und Leiter des Kammerchors Zürcher Unterland, Beat Raaflaub, beispielsweise in zwei Wochen gleich fünf Mal ans Pult, um Johann Sebastian Bachs «Johannespassion» Form und Klang zu verleihen — was ihm nun in der katholischen Kirche in Bülach auch eindrucksvoll gelungen ist. In dem wunderschönen und akustisch idealen Raum zeigten sich der Kammerchor und das Orchester Capriccio Basel in bestens disponierter Form.

Beeindruckende Solisten

Und Raaflaub zeigte von Beginn an, in welche Richtung der Weg führen sollte: Zu einer klaren, schnörkellosen, durchaus protestantisch-diszipliniert zu nennenden Interpretation, die sich fernhielt von jeglicher Sentimentalität und doch in jedem Moment von ehrlicher Anteilnahme geprägt war.
Raaflaub nutzte die Möglichkeiten, die ihm mit seinen Interpreten zur Verfügung standen, von Beginn an: Wach und präsent, ungemein beweglich und dynamisch weiträumig das Orchester, das nicht umsonst den Ruf des vielleicht besten Alte-Musik-Ensembles der Schweiz trägt; sehr homogen — trotz etwas dünner Männerriege — im Klang der Chor, mit dem Raaflaub sowohl sehr variable und aufmerksam den Text deutende Choräle gelangen als auch präzise, agile und angemessen aggressive Turbachöre.
Dass so leicht und locker musiziert werden konnte, lag auch an der Qualität des Solistenquintetts. Leif Aruhn-Solén bewältigte seinen höchst anspruchsvollen, ihm offensichtlich ideal liegenden Tenorpart (Evangelist und Arien) beeindruckend mühelos und mit einer derart entspannten Konzentration, wie man sie leider selten antrifft.
Wunderbar ergänzten sich der helle Bassbariton von Martin Bruns und Michael Pavlus «schwärzere» Stimme für die Bass-Arien, ebenso Maya Boog, die ihrer ersten Arie mit ihrem kraftvollen Sopran eine schöne, dramatische Färbung verlieh, und Sigrid Horvaths voller, warmer Alt.

Schlusschoral trifft ins Herz

Das hohe Niveau, das Raaflaub schon mit dem Eingangschor gesetzt hatte, hielt sich über die ganze Länge dieser vielleicht nicht so risikofreudigen, dafür aber absolut uneitlen Aufführung, die so endete, wie sie begann: mit einem innig gestalteten Schlusschoral, der noch einmal deutlich machte, wie einem die Passionsgeschichte zu Herzen gehen kann — auch in Zeiten, in denen blutiger Hyperrealismus auf Kinoleinwänden solche Erzählungen zu verdrängen scheint.

Udo Van Oyen

Schaffhauser Nachrichten — 5. April 2004

Passion als unvergängliches Kulturgut

ST. JOHANN / Kammerchor Zürcher Unterland und Capriccio Basel

Jahr für Jahr füllen die Passionskonzerte unsere Kirchen, um auf die Karwoche einzustimmen, diesmal wieder mit dem Oratorium von Johann Sebastian Bach nach dem Johannesevangelium, sinnigerweise in unserer Stadtkirche St. Johann, die auf den Namen des Evangelisten getauft ist.

Zu Gast waren der Kammerchor Zürcher Unterland mit dem «Capriccio Basel», einem Ensemble von historischen Instrumenten unter der Leitung von Beat Raaflaub. Dieser erwies sich als Chorleiter intellektueller Prägung. Mit straffer, prägnanter Führung bringt er den sorgfältig vorbereiteten Chor zu Höchstleistungen an Tempo und Präzision. Vor allem das kunstvolle «Volksgetümmel» der fanatischen Hetz- und Spottchöre, der so genannten «Turbae», war beeindruckend. Die Beweglichkeit, Textverständlichkeit und klangliche Durchsichtigkeit des grossen Chors, ich zählte an die 80 Sängerinnen und Sänger, war stupend. In gepflegter, eindringlicher Schlichtheit erklangen die betrachtenden Choräle. Die dynamischen Differenzierungen, zum Beispiel im grossen Eingangschor, zeugten von hoher Durchsetzungskraft des Gestaltungswillens, wirkten aber vielfach seelisch leicht unterkühlt. Hier hätte man sich gerne etwas mehr Herzblut gewünscht.

Die Wahl der Solisten zeugte von einer glücklichen Hand. Leif Aruhn-Solén, eine helle, leichte Tenorstimme, verfügte als Evangelist über viele Ausdrucksnuancen und einen rhetorisch fliessenden Sprachduktus. In den Arien, die er mit hoher Musikalität und geübter Verzierungspraxis frei gestaltete, setzte er sich leider nicht immer gegen das Orchester durch. Martin Bruns, Bariton, gab einen Christus von abgeklärter innerer Grösse, charismatisch und sieghaft visionär, ohne das salbungsvolle Pathos, wie es oft andernorts lästigerweise zelebriert wird. Die Sopranistin Maya Boog wusste mit ihrer hellen und warmen, beweglichen, doch tragfähigen Stimme tief zu bewegen. Ihr «Zerfliesse, mein Herze» war von überirdischer, aetherischer Schönheit und Innigkeit. Sigrid Horvath, Alt, faszinierte mit ihrem metallisch-schlanken Timbre, das an eine Altusstimme erinnerte und sich somit stilistisch wunderbar einfügte. Mit ergreifendem, beseeltem Ausdruck musizierte sie das «Es ist vollbracht!», sieghaft nahm sie die Auferstehung vorweg. Der tiefe Bass Michael Pavlu stellte glaubwürdig Pilatus als den gutmeinenden Magistraten dar, der beiden Seiten gerecht werden möchte und von der Eigendynamik des Geschehens überrollt wird. Auch seine Arien waren von hoher Aussagekraft. Letzlich ist das aufmerksam und stilkundig agierende Orchester zu erwähnen, wo beinahe jeder als Solist, und vor allem die Continuogruppe, speziell der exzellente Gambist, der Aufführung die schillerndsten Farben verlieh.

Gisela Zweifel